TransferGo logo
Geld senden

Mutlu erzählt: Wie Deutschland zur Heimat wurde?

Özcan Mutlu kam 1968 in Kelkit auf die Welt. 1990 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft und stieg in die Politik ein. Nach diversen Funktionen im Stadtrat und Landtag wurde er 2013 Mitglied des deutschen Bundestages. „Wie Deutschland zur Heimat wurde“, heißt das Buch, das Mutlu anlässlich 60 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen herausgegeben hat. Das Vorwort des Buches, das Texte über die Migrationsreisen von 27 Personen – angefangen von Uğur Şahin und Özlem Türeci, dem Gründerpaar von BioNtech, bis zum renommierten Journalisten Ali Aslan – versammelt, verfasste der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Wir sprachen mit Özcan Mutlu über Deutschlands Türken und das gemeinsame Leben über sechzig Jahre.

 

Wir kennen Sie aus der Politik, nun stehen Sie als Verleger vor uns. Was hat Sie veranlasst, dieses Buch herauszugeben?

Die Idee zu diesem Buch hatte ich schon länger im Kopf, fand aber aufgrund meines dichten Arbeitsprogramms als Abgeordneter keine Zeit für die Umsetzung. Dann kam die Pandemie mit Lockdowns und gleichzeitig der 60. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens. Diese zwei Umstände motivierten mich, meinen Traum zu realisieren. Mein Ziel war es, die großartigen Erfolgsgeschichten der Menschen, die in den 1960er Jahren in Folge eines zweiseitigen Anwerbeabkommens als Gastarbeiter nach Deutschland gingen, tatsächlich aber Migranten waren, zu erzählen. Leider Gottes wusste man weder in Deutschland noch in der Türkei diese Erfolgsgeschichten zu schätzen. In der Türkei betrachtete man uns als „Deutschländer“ von oben herab, in Deutschland wurden wir als „Ausländer“ ausgegrenzt. Dabei sind unsere Großväter und Großmütter, unsere Mütter und Väter, die sich in den 1960er und 70er Jahren vom Bahnhof Sirkeci auf den Weg gemacht haben, Helden und Heldinnen. Ihnen verdanken wir unsere Existenz und unsere Erfolgsgeschichten, die in meinem Buch dokumentiert sind. Mein Ziel war es, von diesen Helden und Heldinnen und von den Erfolgen zu erzählen, die sie uns ermöglicht haben. Ich habe dieses Buch herausgegeben, um mich bei diesen zahlreichen namenslosen Helden und Heldinnen zu bedanken. Sollte es mir auch nur ein bisschen gelungen sein, die in vergangenen 60 Jahren zurückgelegten holprigen Wege und erlittene Leiden, aber auch die daraus entstandenen Erfolge sichtbar zu machen, kann ich mich glücklich schätzen.

Während im Buch viele prominente Namen zu Wort kommen, sind auf dem Cover drei Kinder abgebildet? Wer sind diese Kinder und wofür stehen sie?

Das Coverbild ist ein Archivfoto, also ein Zufallsfund. Während der Drucklegung merkten wir aber, dass diese drei Kinder die türkeistämmigen Menschen in Deutschland bestens symbolisieren bzw. für diese stehen. Das Comicheft, das der Junge links auf dem Foto in der Hand hält, symbolisiert diejenigen, die in den Tag hineinleben. Das Kind in der Mitte hält einen in ein Tuch eingewickelten Koran in den Händen. Er steht für diejenigen, die sich an die aus der Heimat mitgebrachten Gepflogenheiten und Traditionen klammern. Das Kind rechts im Bild mit dem Schulbuch in der Hand symbolisiert schließlich die Migranten, die sich ohne Probleme in die Einwanderungsgesellschaft integriert und sich Bildung und Wissenschaft zu eigen gemacht haben – wie Uğur Şahin, Özlem Türeci und zahlreiche andere, die Protagonisten der in diesem Buch abgebildeten Erfolgsgeschichten. Doch es gibt auch die andere Seite der Medaille: das Kind in der Mitte. Leider haben sich viele Familien selbst angelogen, dass sie eines Tages zurück in die Heimat gehen würden. Mit ihrer Einstellung, dass die deutsche Sprache oder die deutschsprachige Bildung überflüssig seien, haben sie nicht nur den Bildungsweg ihrer Kinder abgeschnitten, sondern auch ihre Zukunft getrübt. Aus diesem Grund nannte man uns, die Migrant enkinder der sogenannten Zweiten Generation, die „Kofferkinder“.

 

Das Buch wird mit einem Vorwort des deutschen Bundespräsidenten eingeleitet, das ist ein Novum.

 

Das Buch ist in Deutschland am 31. Oktober 2021, also genau am 60. Jahrestag des Anwerbeabkommens erschienen. Das Vorwort ist ein Lobgesang auf die Einwanderer aus der Türkei. Bundepräsident Steinmeier schreibt nicht nur: „Jeder von ihnen hat unsere Gesellschaft bereichert und tut es immer noch“, sondern er bedankt sich auch bei türkeistämmigen Einwanderern. Zum ersten Mal übermittelt ein Spitzenpolitiker, der Bundespräsident, eine dermaßen bedeutende und wichtige Botschaft. Das Buch ist sowohl in Deutschland als auch in der Türkei auf großes Interesse gestoßen. Die Leser mögen die erzählten Geschichten und gleichzeitig finden sie sich selbst in diesen Geschichten. Man darf es nicht vergessen: Die Wege zum Erfolg, zur Gegenwart, waren nicht einfach. Unsere Leute, die in den 1960er Jahren nach Deutschland kamen, hatten keine Orientierung in dieser Gesellschaft, sie konnten sie die deutsche Sprache nicht, ganz zu schweigen von Kenntnissen über die deutsche Gesellschaft, Kultur und Geografie. Viele von ihnen waren aus ihren Dörfern direkt in eine deutsche Großstadt gekommen. Man setzte sie in Sektoren ein, in denen schwere und schmutzige Arbeit geleistet werden musste. Sie waren von allen verlassen und auf sich gestellt. Sie haben aber nicht aufgegeben. Sie haben Tag und Nacht gearbeitet und Deutschland zur neuen Heimat gemacht.

Das Buch besteht aus fünf Kapiteln: Aufbrechen, Abheben, in Führung gehen, Beharren, und Ankommen.

Das ist unsere Bilanz. Bilanz, weil manche deutschen Politiker den Wert von Menschen an ihrem Nutzen für die Gesellschaft messen. Bilanz, weil heute keiner mehr abstreiten kann, dass die türkeistämmigen Migranten einen Gewinn für Deutschland darstellen. Der Beitrag der Türkeistämmigen zum Bruttosozialprodukt liegt über 120 Millionen Euro. Ungefähr 100.000 türkeistämmige Arbeitgeber beschäftigen 860.000 Menschen. Unsere Leute zahlen Steuern, sie zahlen in die Pensionskassen ein. Sollten wir alle mit einem Schlag Deutschland den Rücken kehren, würde der Bundeshaushalt, würden die ganzen Kassen höchstwahrscheinlich bankrott gehen. Dafür stehen diese fünf Kapitel des Buches.

Nach welchen Kriterien haben Sie sich für die 27 Namen entschieden? Was sollten wir aus diesen Biografien lernen?

Mein Ziel war es, die eher unbekannten Geschichten von sehr erfolgreichen Menschen zu erzählen. Zweifellos existieren hunderte bis tausende andere schöne Erfolgsgeschichten. Aber es ist schließlich ein Buch und nicht alle können drinnen Platz haben. Daher habe ich 27 wunderbare Menschen ausgesucht, die in verschiedenen gesellschaftlichen Feldern außerordentlich erfolgreich geworden sind. Alle Geschichten haben Gemeinsamkeiten. Viele von uns verdanken etwa unseren Bildungserfolg einer deutschen Nachbarin oder einem sensiblen deutschen Lehrer. Diese schönen Menschen konnten die – ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt – existierende Ungleichheit im Bildungssystem beseitigen. Ein anderer gemeinsamer Nenner der Lebensgeschichten ist jener, dass unsere Eltern genau gewusst haben, dass uns die Schwierigkeiten und die Diskriminierung, die sie erleiden mussten, einzig durch eine exzellente Bildung erspart bleiben würde und dass sie uns daher auf diesem Weg unterstützt haben. Ich werde es nie vergessen, wie mein Großvater, Gott habe ihn selig, abends erschöpft nach Hause kam und sagte: „Mein Sohn, wir arbeiten für eure Zukunft, aber studiert bitte, um nicht durchmachen zu müssen, was wir durchgemacht haben.“ Und wenn ich daran denke, wie sehr sich meine Mutter, damals Analphabetin, bemühte, damit wir in der Schule erfolgreich sind, sehe ich, wie unglaublich viel ich ihr schulde. Ohne unsere Familien wären wir heute nicht so erfolgreich.

Heute sind die Türken in allen Bereichen sichtbar; im Sport, in der Politik, in der Wissenschaft. Wie war das möglich?

In den 1960er und 70er Jahren konnte niemand diese Entwicklung voraussehen. Daher kann niemand behaupten, dass sich die deutsche Politik bis in die 1990er Jahre für die Integration und für die Bildung der Migranten gekümmert hätte. Genauso wie auch unsere Migranten selbst geglaubt haben, herrschte auch in der deutschen Politik die Fehleinschätzung, die Leute würden in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Das hat sich dann in den 2000er Jahren geändert, ein neues Einwanderungsgesetz setzte Integrations- und Sprachkurse voraus. Heute ist jeder, der nach Deutschland einwandert, verpflichtet, Deutsch zu lernen, sonst hat er keinen Anspruch auf ein Dauervisum. Zusammenfassend: Die deutsche Politik hat zu Beginn der Einwanderung große Fehler gemacht, sie hat in der Integrations- und Sprachpolitik die Einwanderer vernachlässigt. Doch sie hat auch daraus gelernt. Mittlerweile ist die Anerkennung, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, weit verbreitet und etabliert.

______________

Unabhängig davon, ob Sie TransferGo für geschäftliche oder private Zwecke benötigen, versprechen wir Ihnen günstige Preise und minimalen Aufwand. Für Online-Überweisungen heute anmelden.

2022-06-24

Wir machen die Welt ein bisschen kleiner.

Schicken Sie Geld in diese Länder:

Schließen Sie sich den 2 Millionen Menschen an die bessere Transfers durchführen

Melde dich kostenlos an